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„Wir können gar nicht genug ausgeben, um die Zerstörung zu verhindern“

Lese­dau­er 4 Minu­ten

„Es ist ein ziem­li­cher Sprung vom Con­tai­ner zum Kli­ma­schutz“, sagt Start­up-Grün­der Fer­ry Hei­le­mann über sei­nen Wer­de­gang. Auf der Leip­zi­ger Kli­ma­buch­mes­se stell­te er den „Cli­ma­te Action Gui­de“ vor – ein Hand­buch für Unter­neh­men, die Kli­ma­schutz kon­kret umset­zen wollen.

Fer­ry Hei­le­mann hat es geschafft. Das kann man so sagen, über einen, der mit 25 sein Unter­neh­men Dai­l­y­De­al gemein­sam mit Bru­der Fabi­an an Goog­le ver­kauf­te. Ein paar Jah­re spä­ter grün­de­te er die digi­ta­le Spe­di­ti­on For­to und war damit wie­der sehr schnell sehr erfolg­reich. Doch zuneh­mend beschäf­tig­te ihn der Kli­ma­wan­del. „2020 ging ich schließ­lich raus aus mei­ner Rol­le als CEO, um mehr Zeit der Kli­ma­kri­se und Lösun­gen wid­men zu kön­nen. Das erach­te ich als das wich­tigs­te The­ma für unse­re Mensch­heit in die­sem Jahrhundert.“

Sei­ne „cli­ma­te action jour­ney“, wie Fer­ry Hei­le­mann es nennt, star­te­te 2015: Er über­dach­te sei­nen Lebens­stil und schraub­te den per­sön­li­chen Fuß­ab­druck auf sie­ben bis acht Ton­nen run­ter. „Damit bin ich zwar unter dem deut­schen Durch­schnitt, glo­bal gese­hen aber immer noch viel zu hoch.“ Im nächs­ten Schritt krem­pel­te er sei­ne Fir­ma nach­hal­tig um: Emis­sio­nen wur­den gemes­sen, redu­ziert und kom­pen­siert. „Von Tag eins des Wan­dels an war For­to kli­ma­neu­tral.“ Hei­le­mann hol­te zudem Kun­den ins Boot: „Wenn der Kun­de sagt, ich zah­le für die Kom­pen­sa­ti­on der Con­tai­ner, die ich impor­tie­re, zah­len wir für jede kom­pen­sier­te Ton­ne CO2 das Dop­pel­te oben­drauf.“ Heu­te kom­pen­sie­ren 62 Pro­zent der Groß­kun­den ihre Fracht.

Es folg­te die Grün­dung der Initia­ti­ve Lea­ders for Cli­ma­te Action, gemein­sam mit Unter­neh­men wie Flix­bus und Deli­very Hero. In dem Kon­text ver­pflich­ten sich alle, ihren per­sön­li­chen Foot­print zu mini­mie­ren und gleich­zei­tig das erwor­be­ne Wis­sen in ihren Fir­men umzu­set­zen. „Mitt­ler­wei­le haben sich der Orga­ni­sa­ti­on 1.300 Unter­neh­mer aus zwan­zig Län­dern ange­schlos­sen. Dazu gehö­ren 160.000 Mit­ar­bei­ter. Wir haben über 750.000 Ton­nen CO2 über die Mit­glie­der eingespart.“

Mit dem im Mur­mann Ver­lag erschie­ne­nen „Cli­ma­te Action Gui­de“ gibt Hei­le­mann Unter­neh­men einen prak­ti­schen Leit­fa­den in die Hand. In vier über­ge­ord­ne­ten Kapi­teln zeigt er auf, war­um wir han­deln müs­sen, wel­che Werk­zeu­ge dafür bereit lie­gen, wie man den rich­ti­gen Ein­stieg fin­det und wie Fort­ge­schrit­te­ne ihren „Impact“ (die Wirk­kraft der Maß­nah­men) maxi­mie­ren können.

Dass wir han­deln müs­sen, soll­te jedem mitt­ler­wei­le klar sein, sagt Hei­le­mann. Den­je­ni­gen, die über die enor­men Kos­ten der Trans­for­ma­ti­on lamen­tie­ren, hält er ein Rechen­bei­spiel ent­ge­gen: Bei einer 3,7 Grad wär­me­ren Welt ent­ste­he ein Scha­den, den eine Stu­die mit über 550 Bil­lio­nen US-Dol­lar bezif­fe­re, „eine Zahl, die sich kei­ner vor­stel­len kann. Wir kön­nen also gar nicht genug aus­ge­ben, um die­se Zer­stö­rung zu ver­hin­dern.“ Unter­neh­men, die Kli­ma­schutz wei­ter igno­rie­ren, müss­ten zukünf­tig mit recht­li­chen Fol­gen rech­nen, wie das Den Haa­ger Shell-Urteil zei­ge. Aus Fir­men­sicht spre­che zudem für nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten, dass Beschäf­tig­ten das The­ma zuneh­mend wich­tig sei, „wenn ich also die bes­ten Talen­te gewin­nen möch­te, muss ich Kli­ma­schutz in mei­ne Unter­neh­mens­zie­le packen.“ Schließ­lich wür­den immer mehr Kun­den Kauf­ent­schei­dun­gen an öko­so­zia­len Aspek­ten festmachen.

Mes­sen, redu­zie­ren, kom­pen­sie­ren – Hei­le­mann wird nicht müde, das Emis­si­ons­man­tra auf­zu­sa­gen. Wobei Reduk­ti­on stets Vor­rang vor Kom­pen­sa­ti­on habe. „Kom­pen­sie­ren kann nicht das End­ziel sein. Da aber die gesam­te Wirt­schaft noch auf fos­si­len Ener­gie­trä­gern fußt und das nicht von heu­te auf mor­gen umge­stellt wer­den kann, ist Kom­pen­sa­ti­on unum­gäng­lich.“ Beim Kauf von Zer­ti­fi­ka­ten sei der Blick auf die Stan­dards wich­tig (Gold Stan­dard, Ver­fied Car­bon Stan­dard). Wie man Maß­nah­men ermit­telt und in der Pra­xis umsetzt, zei­gen im Buch Fall­bei­spie­le aus unter­schied­li­chen Branchen.

Als Inves­tor ach­tet Fer­ry Hei­le­mann dar­auf, sich an Fir­men zu betei­li­gen, die kli­mare­le­van­te Pro­ble­me aktiv lösen und Ideen ent­wi­ckeln. „Ich gebe kein Geld mehr aus, ohne Nach­hal­tig­keit in Betracht zu zie­hen. Und ich bin davon über­zeugt, dass ech­te Füh­rungs­qua­li­tät sich heut­zu­ta­ge über nach­hal­ti­ges Han­deln defi­niert. Das ist genau das, was wir und unser Pla­net jetzt brauchen.“



Zu guter Letzt dies­mal nur eine Ant­wort auf unse­ren neckar-alb.blog-Fragebogen, der Ter­min­dich­te Fer­ry Hei­le­manns geschuldet:

Wel­ches Auto fah­ren Sie?

Ich fah­re einen Tes­la. Hät­te ich kein Klein­kind, hät­te ich wohl gar kein Auto mehr.

Elke Schwar­zer

Fotos: Mur­mann Verlag

Lebens­lauf von Fer­ry Heilemann

Fer­ry Hei­le­mann (Jahr­gang 1986) ist Grün­der, Kli­ma­ak­ti­vist und Inves­tor. Sei­ne ers­ten unter­neh­me­ri­schen Schrit­te mach­te er bereits zu Schul­zei­ten, als er mit sei­nem Bru­der Fabi­an das fran­zö­si­sches Gebäck Chi-Chi her­stell­te und für den Ver­kauf über Mes­sen und Märk­te tin­gel­te. Direkt nach sei­nem BWL-Stu­di­um grün­de­ten die Brü­der 2009 Dai­l­y­De­al, das ers­te Euro­päi­sche Cou­po­ning-Por­tal. Die Fir­ma war schnell erfolg­reich und wur­de an Goog­le ver­kauft. Nach ein­ein­halb Jah­ren kauf­ten sie Dai­l­y­De­al wie­der zurück, restruk­tu­rier­ten es und ver­kauf­ten es 2015 zum zwei­ten Mal – dies­mal an einen deut­schen Player.

2016 grün­de­te Fer­ry Hei­le­mann mit For­to eine digi­ta­le Spe­di­ti­on, die Palet­ten und Con­tai­ner von Asi­en nach Euro­pa und von Euro­pa in die USA bewegt. Die Beleg­schaft besteht heu­te aus über 500 Mit­ar­bei­tern; es konn­ten zudem über 130 Mil­lio­nen Ven­ture Capi­tal (Wag­nis­ka­pi­tal) ein­ge­sam­melt wer­den. Im Som­mer 2020 wech­sel­te Hei­le­mann in den Gesell­schaf­ter­bei­rat, um sich stär­ker auf den Kampf gegen den Kli­ma­wan­del zu fokus­sie­ren. Dazu hat er die Initia­ti­ve Lea­ders for Cli­ma­te Action mit­ge­grün­det, mit dem Ziel die gesam­te Digi­tal­in­dus­trie kli­ma­neu­tral zu machen. 2020 wur­de er vom Bun­des­ver­band Deut­sche Star­tups als „Best Entre­pre­neur in Ger­ma­ny“ aus­ge­zeich­net. Er lebt mit sei­ner Frau und sei­nem Sohn in Berlin.

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